5:03 am - Friday January 19, 2018

"Tote Mädchen lügen nicht": Ärztin warnt vor umstrittener Netflix-Serie: "Ich mache mir große Sorgen"

Die Netflix-Serie “Tote Mädchen lügen nicht” (Originaltitel: “13 Reasons Why”) ist beliebt. Doch Mediziner warnen vor dem Internet-Hit, der die fiktionale Geschichte der Hannah Baker nacherzählt. Der Vorwurf: Zu fahrlässig werde mit dem schwierigen Thema umgegangen, der Suizid der Protagonistin Hannah Baker werde romantisiert und verklärt.

Wir haben mit Dr. Ute Lewitzka gesprochen. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an dem Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Wir baten sie um eine Einschätzung: Sind die Vorwürfe an der Serie berechtigt? Und auf was sollten Eltern achten, deren Kinder “Tote Mädchen lügen nicht” sehen?

Die Netflix-Serie “Tote Mädchen lügen” steht in der Kritik. Fachgesellschaften werfen den Machern vor, die Darstellung des Themas Suizid könne zu Nachahmungs-Taten anregen. Zu Recht?

Ja, ich halte die Kritik für berechtigt. Eigentlich verfolgen die Filmemacher einen guten Ansatz: Sie wollen aufklären und auf das Thema Suizid aufmerksam machen. Problematisch ist allerdings die Art und Weise, wie das geschieht. Die Darstellung in der Serie sehe ich sehr kritisch.

Was meinen Sie damit?

Die Serie bietet eine große Projektionsfläche für junge Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Vielleicht werden sie in der Schule gemobbt, haben Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein oder befinden sich in einer anderen Lebenskrise. Den Suizid als möglichen Ausweg aus diesen Problemen erscheinen zu lassen, ist falsch und könnte zur Nachahmung anregen. Es gibt viele gute Hilfsmöglichkeiten für Jugendliche und Erwachsene in ähnlichen Situationen. Dort wird ihnen zugehört und geholfen. Leider greift das die Serie nicht auf.

Netflix weist darauf hin, dass die Inhalte auf manche Menschen verstörend wirken können. Reicht das?

Absolut nicht. Das sind Floskeln, um die sich kein Mensch schert. Wer so ein hartes Thema aufgreift, muss ein deutliches Zeichen setzen, in Richtung: ‘Es gibt Hilfsmöglichkeiten für Menschen in ähnlichen Situationen. Bitte wenden Sie sich an diese Stellen, wenn Sie Hilfe brauchen.’ Ein Hilfehinweis nur im Abspann reicht hier nicht.

Der Suizid der jungen Protagonisten erscheint in der Serie als kausale Folge auf ganz unterschiedliche Lebenskrisen. Wie bewerten Sie diese Erzählweise?

HilfsangeboteDas ist ebenfalls problematisch. Es gibt nie den einen Grund für einen Suizid. Einen Suizid selbst mit mehreren Ursachen zu begründen, wäre falsch. Die Entstehung suizidaler Gedanken bzw. Verhaltens ist sehr komplex und vielschichtig. Sie fangen bei der Neurobiologie an und hören bei der aktuellen Lebenssituation auf. Wichtig ist zu betonen, dass einem Menschen mit suizidalen Tendenzen aus dieser Lebenskrise geholfen werden kann – selbst wenn die persönliche Situation ausweglos erscheinen mag.

Die junge Protagonistin hat versucht, sich vertrauensvoll an einen Schulpsychologen zu wenden und wurde abgewiesen. Wie realistisch ist diese Situation?

Es gibt viele Schulpsychologen und Vertrauenslehrer, die großartige und wertvolle Arbeit leisten. Sicher wird es aber auch Einzelfälle geben, bei denen Vertrauenspersonen vielleicht nicht so reagieren, wie es der Teenager in diesem Moment gebraucht hätte.

Was sollten Betroffene dann tun?

Kinder und Jugendliche, die beim Schulpsychologen keine Hilfe bekommen, können sich an viele andere Stellen wenden, die explizit für Menschen in Lebenskrisen zuständig sind, zum Beispiel das Angebot “Nummer gegen Kummer“. In größeren Städten gibt es spezielle psychosoziale Krisendienste. Ein guter Ansprechpartner kann auch der Kinderarzt oder Hausarzt sein. Weiterhin gibt es sehr gute Online-Beratungs-und Hilfsangebot, wie [U25]. Man kann Kinder und Jugendliche nur darin bestärken: Traut euch, dort vorzusprechen! Dort bekommt ihr Hilfe. Und das heißt nicht automatisch, dass ihr in eine Klinik müsst. Bei Lebenskrisen reicht häufig eine ambulante Begleitung, damit es euch wieder besser geht.

Ist die Serie für junge Menschen überhaupt geeignet?

Für Kinder und Teenager, die sich in einer Lebenskrise befinden, ist die Serie nicht geeignet. Wenn ich mir vorstelle, dass diese Jugendlichen die Serie allein zu Hause ansehen, mache ich mir große Sorgen. Anders sieht es in einem geschützten Setting aus: Wenn die Serie beispielsweise an der Schule zusammen mit einem Moderator angesehen wird und den Schülern Raum für Gespräche gegeben wird, hilft das, Stimmungen aufzugreifen und das Thema zu diskutieren. Das ist auch eine echte Chance, das Thema überhaupt mal anzusprechen und zu entstigmatisieren.

Was könnte unternommen werden, um besser über das Thema aufzuklären?

maedchen-luegen 17.12Wir müssen Kinder und Jugendliche stärken und ihnen dabei helfen, psychisch gesund zu bleiben. Wir müssen über psychische Erkrankungen aufklären, auch in Schulen. Bei Suchterkrankungen passiert das ja bereits: Die Polizei besucht oft schon fünfte und sechste Klassen und klärt über Alkohol und Drogen auf. Bei anderen psychischen Erkrankungen und Suizidalität passiert das nicht. Suizid-Prävention ist wichtig. Das muss auch bei der Politik ankommen. Projekte, Initiativen und Forschung in diesem Bereich sollte gefördert und Lehrpläne entsprechend gestaltet werden. Wichtig ist auch, die Lehrer zu stärken und dafür weiterzubilden sowie die Bedingungen in den Schulen zu verbessern. Immerhin sind Suizide die zweithäufigste Todesursache in dem Alter. Wie viele Mittel werden beispielsweise zur Aufklärung und Verbesserung der Verkehrssicherheit verwendet? Wie viel für Suizidprävention?

Was sollten Eltern beachten, deren Kinder die Serie sehen?

Darüber sprechen. Zumindest sollten sie ein Gespräch anbieten, in Richtung: ‘Du siehst ja diese Serie. Das ist schon ein ganz schön schwieriges Thema. Wie geht es dir damit?’ Sie sollten ihre Kinder auch in der nächsten Zeit beobachten, ob sich ihr Verhalten verändert. Besonders alarmierend ist es, wenn sich Kinder und Jugendliche zurückziehen, Kontakte abbrechen, nicht mehr zum Essen erscheinen. Und wenn diese Veränderungen nicht nur kurze Zeit andauern, sondern Tage, vielleicht Wochen. Dann ist es sinnvoll, das Kind anzusprechen und zu betonen, dass man sich Sorgen macht und gern bereit ist, sich mit dem Kind Hilfe zu holen.

Was sollte man tun, wenn Freunde oder Verwandte über suizidale Gedanken sprechen?

Hinhören, da sein! Die Person ernst nehmen. Gut gemeinte Ratschläge wie ‘Das wird schon wieder’ oder ‘Ach, dir geht’s doch gut’ helfen leider nicht. Der Betroffene fühlt sich nicht verstanden. Stattdessen sagen: ‘Mensch, ich merke, dir geht’s richtig mies. Wollen wir darüber sprechen? Ich bin für dich da. Lass uns mal zum Arzt gehen. Ich komme auch mit.’ Menschen in Lebenskrisen können das aus eigenem Antrieb oft nicht mehr.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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